Giuseppe VerdiRigoletto

Oper Frankfurt

Premiere: 19. März 2017

Musikalische Leitung Carlo Montanaro
2018: Alexander Prior
Inszenierung Hendrik Müller
Bühne Rifail Ajdarpasic
Kostüme Katharina Weissenborn
Licht Jan Hartmann
Dramaturgie Zsolt Horpáczy
Herzog von Mantua Mario Chang
2018: Yosep Kang / Mario Chang
Rigoletto Quinn Kelsey
2018: Franco Vassallo / Zeljko Lucic
Gilda Brenda Rae
2018: Brenda Rae / Sydney Mancasola
Sparafucile Önay Köse
2018: Kihwan Sim / Daniel Miroslaw
Maddalena Ewa Plonka
2018: Maria Pantiukhova / Katharina Magiera
Giovanna Nina Tarandek
Graf von Monterone Magnus Baldvinsson
Graf von Ceprano Mikolaj Trabka
2018: Iain McNeil
Gräfin von Ceprano Julia Dawson
Marullo Iurii Samoilov
2018: Iurii Samoilov / Mikolaj Trabka
Borsa Michael McCown
2018: Ingyu Hwang / Michael McCown

Wiederaufnahme: 3. Februar 2018
weitere Vorstellungen: 9., 11. (2x), 17., 24. Februar sowie 1., 4. und 8. März 2018

Musikdramatische Stringenz hatte schon Walter Felsenstein zur Hamburger Inszenierung bewogen, obsessive Unausweichlichkeit motivierte sogar Roman Polanski bei seiner Münchner Regie. Später haben Hans Neuenfels und unlängst Jossi Wieler und Sergio Morabito in Stuttgart das Werk intensivierend ernst genommen. Hendrik Müllers Frankfurter Version kann da durchaus mithalten, vermittelt ein schlüssiges Bild einer verhängsnivollen Doppelfixierung. Rigoletto ist hier nicht buntscheckig-buckliger Hofnarr, sondern staatsrätliche Respektperson, massiv, schwarz, fast klerikal gewandet, statt Underdog eher Kumpan des Herzogs, mit dem er eine Leidenschaft teilt: Herrschaft über Frauen. Für den Macho kann das jede sein, des Widerparts erotische Obsession ist religiös wahnhaft gespalten: in die wie eine Monstranz mitgeführte Papier-Madonna, die er sich quasi kannibalistisch einverleibt, und in Gilda als rote Sacro-Puppe, die er im Glaskäfig, mit Kreuzen dekoriert, gefangenhält. Kirchengotik suggeriert schwarz-romantischen Horror, und rote Tochter-Pendants stecken in Käfigen nach Münsteraner Wiedertäufer-Art.
Frauen sind hier einzig Objekte der Gewalt: Dem "Blaubart"-Herzog sekundiert eine Rockersoldateska. Doch die weibliche Seite ist nicht nur Opfer: Die Gräfin Ceprano [...] partizipiert an der Macht, Giovanna ist Verräterin - und Maddalena schneidet Gilda die Kehle durch. Diese, im weiß-blutigen Brautlaken, transzendiert im Liebestod anderer Art, gewinnt erstmals eigene Stimme und eigenen Weg, indem sie nach hinten abgeht. Zur Kathedrale gehören nicht minder Clownsfratzen, ja die Schenke wird zum Thespiskarren. An Bildeinfällen mangelt es nicht; im Ganzen fügen sie sich zum bedrohlichen Tableau.
[Gerhard R. Koch - Opernwelt, 5/20017]

Kluges Theaterspektakel
Der Anfang ist stark: geschlossener Vorhang, ein Betschemel, zwei Kerzen, ein Madonnenbildchen. Die mächtige Gestalt Rigolettos kniet und betet und stopft sich dann das religiöse Bild in den Mund, zerkaut es und würgt es hinunter. Gleich geht es nämlich in den Palast des Herzogs von Mantua, und dort muss er alle Menschlichkeit ablegen. Dort quält er den Grafen Ceprano, mit dessen Ehefrau sich der Herzog vergnügt, dort verhöhnt er den Grafen Monterone, dessen Tochter der Herzog entehrt hat. Er befindet sich in einer Zwangslage. Denn der Narr glaubt wirklich, ein guter Christ und liebevoller Vater sein zu können und gleichzeitig Teil einer verkommen-sadistischen Gesellschaft. So düster wie jetzt an der Oper Frankfurt hat man Verdis erstes Meisterwerk selten gesehen. [...] Hendrik Müller nutzt alle theatralischen Mittel, setzt sie bewusst ein und spielt mit ihnen. Keine Scheu hat er vor pathetischen Gesten, überstarken Bildern, grellen Effekten. Doch setzt er sie ein, um hinter die Figuren zu blicken.
[Bernd Zegowitz - Rhein-Neckar-Zeitung, 29. März 2017]

Scharf gezeichnet schon zu Anfang die sonst oft unscheinbar bleibenden Szenen mit dem Grafenpaar Ceprano. Ein Höhepunkt dann das intime Kammerspiel zwischen Gilda und ihrer Kammerzofe Giovanna. [...] Schneidende Personenregie auch im zickigen Verhältnis Gildas zu ihrem Vater. [...] Eigentlich wirken in dieser Inszenierung alle handelnden Personen als Fieslinge, und das mit gutem Recht. Denn gerade auch Rigoletto gehört zu den fatalen Verdi’schen Vaterfiguren, die sich und ihre Umgebung tyrannisieren und damit oft auch ihre eigenen Höllenstürze betreiben. Es gilt also, Ambivalenzen auszubalancieren und die Tragik in der Selbstzerstörung nicht aus dem Blick zu verlieren. [...] Hendrik Müllers inszenatorische Arbeit zeigte sich als überdurchschnittlich ideenreich und sorgfältig, ja geradezu liebevoll realisiert.
[Hans-Klaus Jungheinrich - Frankfurter Rundschau, 21. März 2017]

Es ist ein düsterer, dystopischer Ort für eine verkommene, gewalttätige und zynische Hofgesellschaft. Damit ist die Grundstimmung des Librettos nach einem Drama von Victor Hugo auf den Punkt getroffen. Regisseur Hendrik Müller bespielt diesen Raum mit virtuoser Personenführung. Der Chor und einzelne Gruppen werden in stilisierten Choreographien als Schwarmwesen gezeigt. Müller zeigt genau, wo die Protagonisten als Figuren schablonenartig gezeichnet und wo sie individualisiert sind. Er versteckt dabei nie, daß Theater gespielt wird, erreicht aber, daß in der Theatralik immer wieder Momente einer unmittelbaren Ergriffenheit erzeugt werden. Der Charakter von Verdis Bühnenwerken zwischen Kasperle- und Welttheater, wie Ulrich Schreiber es treffend formuliert hat, ist selten so sinnfällig herausgearbeitet worden.
Rigoletto wird als manischer Charakter gezeichnet, dessen im Wortsinn verzehrende Religiosität zerstörerisch ist. [...] Das Zimmer, in dem er seine Tochter vor der Welt vorborgen halten will, wird als aseptischer, grell ausgeleuchteter Quader aus dem Schnürboden in die düstere Blech- und Stahl-Kathedrale herabgelassen. Gilda wird von ihm dort mit den ikonographischen Attributen mittelalterlicher Marienbilder ausstaffiert, mit rotem Gewand, transparentem Schleier und einer weißen Lilie als Symbol der Jungfräulichkeit. Es ist ein religiöser Glaskäfig, in dem die junge Frau zu ersticken droht.
Böses, blutiges Kasperletheater schließlich wird im dritten Akt gespielt. Die Behausung des Auftragsmörders Sparafucile und seiner buhlerischen Schwester Maddalena wird als Jahrmarktsbude mit Clownsfratze auf einem Schauvorhang von clownesk geschminkten Gauklern hereingeschoben. Dieses Element der epischen Brechung ist wiederum genau der Musik abgelauscht mit ihrer Doppelbödigkeit aus tändelndem Jahrmarkts-Umtata und düsterer Grundierung. [...] Das sind akustische Mittel eines Schmierentheaters, die Verdi genial zur großen Kunst erhebt und zu denen das Frankfurter Produktionsteam kongeniale Bilder findet.
[Michael Demel - Der Opernfreund, 22. März 2017]

Hendrik Müller erzählt Giuseppe Verdis Erfolgsoper im religiösen Zusammenhang neu, ohne alles, was Kirche heißt, zu denunzieren. Im Gegenteil. Das von Kälte, Rücksichtslosigkeit und Gewalt in Gestalt finsterschwarzgekleideter Männer (sehr sorg- und vielfältig die Kostüme von Katharina Weissenborn!) geprägte Leben am Hof zu Mantua stößt ab; es hat sich in einem von gotischen Spitzbögen umstellten Halbrund (Bühne: Rifail Ajdarpasic) eingerichtet. Wie Raubtiere werden die Akteure in Käfigen herabgelassen. Gilda dagegen bewohnt einen weißen, hell ausgeleuchteten Container. Betreten lässt sich dieser Schutzraum nur von unten, über eine meist hochgeklappte Leiter. Karger Stuhl, karges Bett, sie im rot leuchtenden, hochgeschlossenen Kleid, ein vielsagendes Zwischending aus Ministrantenrock und Lustobjekt. [...] Der szenischen Eindringlichkeit steht die musikalische nicht nach - besser könnte dieser Abend nicht sein!
[Andreas Bomba - Frankfurter Neue Presse, 21. März 2017]

Ein kranker Narr in einer kranken Welt
Die Frankfurter Neu-Inszenierung zeigt, was „Rigoletto“ wirklich ist: ein tiefschwarzer Stoff, der das Erdendasein zum Jammertal macht – und dabei fantastisch düster klingt. Es ist ein ergreifendes emotionales Wechselbad, das sich mit diesem „Rigoletto“ durchleben lässt.
[Björn Gauges - Fuldaer Zeitung, 30. März 2017]

In Frankfurt ist Rigoletto selbst ein übler Charakter und bedeutender Teil der selbstsüchtigen, auf den Augenblick bedachten Lustwelt des Herzogs von Mantua. Mit seiner einst im Kloster, jetzt in einer Art gläsernen Schneewittchensarg abgeschirmten Tochter Gilda versucht er nur sein Gewissen rein zu halten: mit tiefer Zuneigung hat diese madonnengleiche Überhöhung nichts gemein. Müller misstraut auch klug der saftig von Verdi aufgetragenen Opferrolle des buckligen Hofnarren. Nicht der Fluch des Grafen von Monterone tötet seine Tochter, sondern einzig der von ihm selbst mit Sparafucile angezettelte Racheplan am frauenverschleißenden Herzog.
Diese eigenwillige Perspektive überzeugte in ihrer sorgsam inszenierten Deutlichkeit auf ganzer Linie, trotz der damit verbundenen, geringeren Fallhöhe Rigolettos und trotz des trüben Blicks in eine durch und durch verachtenswerte Machtwelt. Im Gegenteil: Am Ende, wenn der entsetzte Rigoletto, einsam wie nie, sogar von seiner sterbenden Tochter verlassen wird, tat das der tiefen Empathie für den gefallenen Buckligen keinen Abbruch.
[Bettina Boyens - musik-heute.de, 20. März 2017]

Als enervierenden Krimi über Menschen und Mächte mit mörderischem Ausgang hat Regisseur Hendrik Müller Verdis „Rigoletto“ an der Oper Frankfurt inszeniert. In großem Einvernehmen mit hochkarätigen Sängerdarstellern wie dem Titelhelden Quinn Kelsey und einer überragenden Brenda Rae als dessen Operntochter Gilda.
[Klaus Ackermann - Offenbach-Post, 21. März 2017]

Fast nebenbei singt der gelangweilte Herzog die berühmte Arie "La donna è mobile", und selten zuvor war Verdis „Gassenhauer“ so klar und schnörkellos zu hören – das bitter-gallige, gern mitgeträllerte Trinklied liefert in diesem Dirigat und dieser Inszenierung den angemessenen Kommentar für das, was in dieser Gesellschaft schief läuft. Es ist ein zynisch-männlicher Blick, den Verdi musikalisch meisterhaft verpackt präsentiert. Die Masse – eine einheitliche Rocker-Truppe aus jungen Männern vom Herrenchor lustvoll zelebriert – beherrscht die Szenerie, frönt der eigenen Lustbefriedigung ohne Rücksicht auf Verluste. Frauen sind Konsumware, die schnell wieder abgelegt werden.
In dieser Welt hat auch Gilda, von Brenda Rae exzellent verkörpert, keine Zukunft. Ihr Kleid hat sie abgestreift, aber verstrickt in den Machenschaften ihres Vaters sucht sie vergeblich nach einem Ausweg. Gilda sühnt die Schuld des Vaters, so wie es die Tochter des Grafen von Monterone getan hat – schmerzlich wird dies Rigoletto am Ende bewusst. Und nicht weil Monterones Fluch seine Wirkung entfaltet, sondern weil er endlich imstande ist, seine Tochter angesichts des Todes anzunehmen. Allerdings schaut er sie dabei wieder nicht an – eine bittere Erkenntnis in dieser Inszenierung, die den Schmerz umso spürbarer werden lässt und ein schön-schauriges Bild am Ende beschwört: Gilda, langsam wie ein Geist nach hinten entschwindend, Rigoletto verzweifelt das Leichentuch haltend, wird sich um diesen erbarmungswürdigen Vater auch im Jenseits kümmern, auf Erden hat er erneut versagt. Sie ist von dieser Gesellschaft als Einzige erlöst und befreit. Ja, diese Gesellschaft, so ein Besucher, ist tatsächlich erdrückend, für den Einzelnen gibt es keinen (Spiel)Raum – im Gegenteil.
[Ljerka Oreskovic Herrmann - ioco.de, 1. April 2017]

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