Francis Poulenc
Dialogues des Carmélites
SH Landestheater
Premiere: 28. März 2026
| Musikalische Leitung | Harish Shankar |
| Inszenierung | Hendrik Müller |
| Bühne | Rifail Ajdarpasic |
| Kostüme | Ariane Isabell Unfried |
| Dramaturgie | Maximilian Eisenacher |
| Blanche | Marysol Schalit |
| Marquis de la Force | Kai-Moritz von Blanckenburg |
| Chevalier de la Force | Dritan Angoni |
| Madame de Croissy | Itziar Lesaka |
| Madame Lidoine | Menna Cazel |
| Mutter Marie | Vera Semieniuk |
| Schwester Constance | Anna Avdalyan |
| Schwester Matilde | Anna Stepanets |
| Mutter Jeanne | Anna Grycan |
| Der Beichtvater des Klosters | Christian Alexander Müller |
| Thierry / Javelinot / Offizier / Kerkermeister |
Mikolaj Bonkowski |
| Zwei Kommissare | Xiaoke Hu / Mikolaj Bonkowski |
Mag 2026 auch erst ein paar Monate alt sein: Diese Poulenc-Produktion hat alle Chancen auf die Operninszenierung des Jahres.
[Christoph Forsthoff - Orpheus, 6. April 2026]
Plädoyer gegen jede Gewaltherrschaft
Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leben, Glück in geistiger Freiheit und die Frage, ob man auch in Extremsituationen zu den eigenen Überzeugungen stehen sollte - diese Themen werden in der Oper verhandelt. Dabei hebt Operndirektor und Regisseur Hendrik Müller seine Figuren aus der Sphäre des Klösterlichen, indem er sie weltlich kleiden und in einem Raum agieren lässt, der kaum kirchliches Ambiente enthält. Während der zahlreichen Orchesterzwischenspiele werden zu die Namen und Lebensdaten aller 16 ermordeten Frauen eingeblendet. So gewinnt das Drama menschliche Bedeutung - und Assoziationen mit Opfern anderer Gewaltregime werden schnell wach.
Die Inszenierung fasziniert durch ein in jeder Position ideal besetztes Figurenpersonal mit sehr genauen Charakterzeichnungen. [...] Und schlicht genial ist das Bild, das Hendrik Müller für die Hinrichtungsszene am Ende findet.
[Christoph Kallies - Shz, 30. März 2026]
In Flensburg geriet Poulencs Revolutionsoper „Dialogues des Carmélites“ zu einem packenden Theatererlebnis.
[...] 150 packende Opern-Minuten, die den Atem stocken lassen: Eine musikalische Dauerintensität, die einem immer wieder Schauder über den Rücken jagt. Eine sängerische Konzentration, die nicht einen Moment lang Gedanken jenseits des Geschehens gestattet. Eine so detaillierte Personenregie und Darstellerführung, dass selbst vermeintliche „Nebenrollen“ der Partitur – die es an diesem Abend einfach nicht gibt – zu ergreifenden Charakteren werden. Ein reduziertes Bühnenbild (Rifail Ajdarpasic), das durch seinen Verzicht auf fast alle Farben statt Ablenkung eine visuelle Schärfung bietet, die selten geworden ist in unserer überladenen Welt. Und am Ende begleitet von sich ausdünnenden Choralgesängen ein Gang unter das Fallbeil der Guillotine, der selbst langjährigen Kritikern Tränen in die Augen treibt, wenn eine Ordensschwester nach der anderen aus dem Spiel genommen wird und lediglich noch die Schuhe der Verurteilten stehenbleiben. Nur ganz zögerlich und zaghaft entwickelt sich der Beifall, bricht erst einmal wieder ab, um sich dann langsam zu einem donnernden Schlussapplaus zu entwickeln …
Wohlgemerkt: Wir befinden uns nicht in einem der großen Opernhäuser hierzulande und schon gar nicht mitten in einer der Metropolen – sondern am nördlichsten Ende der Republik in einem in die Jahre gekommenen Haus des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. Doch das wächst an diesem Abend mit der Inszenierung von Poulencs „Gespräche der Karmeliterinnen“ über sich hinaus. [...] Denn hier stimmt einfach alles: [...] Bis hin zur Regie des hiesigen Operndirektors Hendrik Müller, der die Ordensschwestern nicht zuletzt dank der fein unterschiedenen Kostüme Ariane Isabell Unfrieds aus ihrer geistlichen Hülle befreit hat. Und in dieser realen Geschichte jener 16 Nonnen aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts, die sich in den letzten Tagen der Schreckensherrschaft weigerten, ihr Martyrium-Gelübde zu brechen und wegen konterrevolutionärer Versammlungen zum Tode verurteilt wurden, nun die konkreten Individuen zeigt und zwischen den Szenen vorstellt – mit einer Präzision, wie selbige selten auf Musiktheaterbühnen zu erleben ist. Eben weil Müller aus diesen 16 Frauen zwischen 28 und 79 Jahren Menschen jenseits des Korpsgeists macht: Frauengeschichten, die mehr sind als Opfererzählungen oder die Folge gruppendynamischen Zwangs – kleine große Revolutionen als ein bewusster politischer Akt.
[Christoph Forsthoff - Rondo, 2. April 2026]
Operndirektor Hendrik Müller befreit in seiner sehr präzisen Inszenierung die zentralen Frauenfiguren von ihrer uniformen geistlichen Hülle, um sie als Individuen zu zeigen - voller Hoffnung, Zweifel und Verzweiflung. Die Kostümbildnerin Ariane Isabell Unfried hat sie deshalb nicht im Karmeliterinnen-Habit, sondern alle unterschiedlich gekleidet. Auch die auf Tische und Stühle reduzierte Bühnenausstattung von Rifail Ajdarpasic meidet jeden religiösen Kitsch. Stattdessen treten alle zwischen den filmschnittartig gereihten Szenen isoliert an die Rampe. Letztlich, so zeigt sich hier, verbindet sie nur das Todesdatum der Hinrichtung.
Gesungen und in der Personenregie spannungsvoll in Opposition oder Beziehung gesetzt wird einmal mehr hervorragend in Flensburg. [...] Das berühmte Finale endet in Flensburg doppelt eindrucksvoll, weil die Regie von Müller die Verurteilten wie Schachfiguren aus dem Spiel nimmt. Nur ihre Schuhe bleiben stehen.
[Christian Strehk - Kieler Nachrichten, 31. März 2026]
„Entreligionisiert“ könnte man die Lesart von Hendrik Müller, Opernchef am Landestheater Schleswig-Holstein, nennen. Ihm geht es nicht um Gott und Glauben, er zeigt die Frauen nicht als Nonnenschar, sondern als Individuen mit ihren eigenen Problemen und Ängsten. Dies visualisiert die unterschiedliche Alltagskleidung der Damen in gedeckten Farben, in die Kostümbildnerin Ariane Isabell Unfried sie gesteckt hat und die weder Kruzifix noch Rosenkranz zieren. Noch deutlicher wird dies in den einzelnen Steckbriefen, die während der Zwischenspiele gezeigt werden: da sind 16 Menschen zwischen 28 und 79 Jahren gestorben, weil sie der Gesellschaft nicht gepasst haben. Bestückt hat Rifail Ajdarpasic die karge Bühne vor allem mit Tischen, die der ängstlichen Blanche als Schutz und dem Konvent als Bett oder Bühne – also gewissermaßen als Stütze in allen Lebenslagen – dienen und die immer wieder in Unordnung geraten, bis sie am Ende ganz verschwinden. Mittels ausgeklügelter Personenführung, die die zwischenmenschlichen Beziehungen und Konflikte verdeutlichen, gelingen Müller am gestrigen Abend eindrucksvolle, bewegende Bilder, die lange nachhallen, und ein eindrucksvolles Plädoyer für Rückgrat in einer sich verändernden Gesellschaft.
[Jochen Rüth - Der Opernfreund, 29. März 2026]
Opernchef Hendrik Müller legt in seiner Inszenierung Wert auf die Individualität seiner Protagonistinnen. In jeder Umbaupause senkt sich ein schwarzer Vorhang, auf den die Namen der jeweils davor stehenden Nonnen mit Geburtsjahr und Todestag projiziert werden. Das schafft eine beinahe persönliche Beziehung des Publikums zu den Frauen. Auf der Bühne werden unterdessen Tische und Stühle zu immer wieder neuen Konstellationen umgestellt, so dass sich die unterschiedlichen Schauplätze ergeben.
Die Schlussszene, in der nach und nach jede Nonne die Bühne verlässt, während man [...] das furchteinflößende Geräusch der Guillotine hört, gerät besonders berührend. Viele Gäste hatten noch lange nach dem begeisterten Schlussapplaus einen Kloß im Hals.
[Lars Geerdes - wirklich, 10.-16. April 2026]